Beziehungserfahrung ist eine Form der Lebenserfahrung. Wir Menschen lernen früh, soziale Beziehungen aufzunehmen. Die Art, wie sie entstehen und sich weiterentwickeln, prägt unser gesamtes Leben. Als junge Erwachsene lernen wir „intime Beziehungen“ kennen – und je nach unserm Empfinden entstehen daraus früher oder später sexuelle Begegnungen, Beziehungen, Ehen und Familien.
Die Geber unter uns beginnen dann, Angebote öffentlich zu machen. Das heißt, sie strahlen aus, dass sie an sinnlicher Vertrautheit interessiert sind und dazu etwas anzubieten haben.
Wer als Nehmer an den beginnenden „Partnermarkt“ herantritt, muss etwas mitbringen, was einen Tauschwert hat. Aber was ist es? Stärke, Erfolg, Bereitschaft? Oder sind es die Interessen? Vielleicht ist etwas ganz anderes, zum Beispiel ein Persönlichkeitsmerkmal?
Nüchtern betrachtet, werden zunächst Menschen angesprochen, die über körperliche Stärke und Ausdauer verfügen, als „Schön“ gelten oder auch nur sexuelle Bereitschaft zeigen. Später kommt noch dazu, ob sich die Person für eine dauerhafte Beziehung, eine Ehe oder eine Familiengründung eignet.
Wer dabei Erfolg hat, gilt nach und nach „beziehungserfahren“. Dabei ist es meist unerheblich, welche Art von Erfahrung in Zweierbeziehungen die Person bereits hatte.
Am erfolgreichsten scheinen Menschen zu sein, die zwar vergleichsweise wenige, aber dafĂĽr sehr innige Beziehungen hatten.
Wer im Erwachsenenalter niemals eine solche Beziehung hatte, wird bald bemerken, dass infrage kommende Partner(innen) dies als Makel ansehen.
Auf eine einfache Formel gebracht: Frauen und Männer suchen heute normalerweise Partner(innen), die bereits sexuelle und soziale Erfahrungen in Beziehungen gesammelt haben. Gelegentlich werden noch weibliche „Jungfrauen“ begehrt, aber diese Tendenz nimmt seit Jahren ab. Wer eine „männliche Jungfrau“ bleibt, gerät spätestens mit 25 Jahren in Schwierigkeiten, denn kaum eine partnersuchende Frau will einen Mann “anlernen“.
Für „männliche Jungfrauen“ ist es fast unmöglich, aus diesem Teufelskreis herauszukommen: Sie wünschen sich eine normale sexuelle Beziehung - aber nur in einer Ehe. Doch niemand geht mit ihnen eine solche Beziehung ein, weil sie keine sexuellen Erfahrungen haben.
Solche Probleme wurden in der Vergangenheit auf einfache Art gelöst: Der junge Mann mied eine Zeit lang Frauen, die seinem sozialen Status entsprachen, und suchte seine sexuellen Erfahrungen bei Frauen, die deutlich freizügiger waren.
Von Frauen wurde in früheren Zeiten erwartet, keine sexuellen Beziehungen vor der Ehe oder Verlobung aufzunehmen. Allerdings hatte diese nicht ausschließlich weltanschauliche Gründe. Viel wichtiger war den Frauen jener Zeit, dass ihr Marktwert sank, wenn sie zuvor „zu viele Leute gekannt“ hatten – in der Übersetzung aus dem Verschleierungsjargon etwa: Mit zu vielen Männern Sex hatten.
Ob es eine Möglichkeit für eine Eheschließung gibt, hängt von der Nachfrage ab. Gibt es ein Angebot an Partnerinnen oder Partnern, die den gleichen weltanschaulichen Grundsätzen anhängen, also Sex vor der Ehe tatsächlich ultimativ ablehnen, so ist es möglich. Andere Konstellationen sind nur schwer denkbar.